"Weiße Pracht und große Pläne"

Vor 100 Jahren erlebt Oberhof die Geburt des deutschen Wintersports. Norwegische Skilehrer erteilen Weihnachten 1906 die ersten Skikurse. Hoteldirektoren, Baulöwen und Kurärzte entdecken den Sport als Geldbringer. Der Adel, allen voran das Haus Sachsen-Coburg Gotha, vertreibt sich die Zeit an und in den Bob- und Schlittenbahnen. Landesfürst Carl Eduard von Sachsen Coburg, verwandt mit halb Europa, wird begeisterter Bobfahrer und holt die Haute Volee in sein mondänes Schlosshotel. Das Bergbauerndorf sieht innerhalb weniger Jahre aus wie St. Moritz. Das ist der Anspruch: Es will das „St. Moritz Deutschlands" sein, und das wird es auch.
Damit beginnt ein atemberaubendes Jahrhundert, das seinen Höhepunkt in Walter Ulbrichts Vision von einem exklusiven Wintersportort in einer Republik „ohne realen Alpenzugang" findet.

Als in den 60ern und 70ern neue Schanzen, eine sündteure Kunsteisbahn, nicht zuletzt mit dem Interhotel Panorama das erste Haus der Republik entsteht, vollendet die DDR im Volkseigentum, was den Ort über Jahrzehnte prägte: ein Ort, den die Mächtigen, die Eitlen, die Funktionäre, Bonzen und Privatiers beherrschen. Hier fährt Kronprinz Wilhelm von Preussen Bob, hier verbessert der letzte Überlebende der russischen Zarenfamilie, Prinz Kyrill, sein Handicap, hier macht Joseph Goebbels mit Familie Urlaub, hier residieren Ufa-Stars im Golfhotel. Es ist diese Mischung aus großen Wettkämpfen, heißen Vergnügungen und gesellschaftlichen Treffs, die den Ort für die Eliten unwiderstehlich macht – in der Kaiserzeit, in den goldenen 20ern, im Dritten Reich. Das setzt sich fort: Die erste große Enteignungsaktion der DDR Ende 1950, die „Aktion Oberhof", macht die Bühne frei für Sport und Spiele der jungen DDR. Von den großen Schanzen und den enteigneten Hotels grüßen Stalinporträts. Pieck, Grotewohl und Ulbricht feiern sich unter Zehntausenden Zuschauern. Die Bühne ist frei für Ulbrichts Traum vom „St. Moritz der DDR". 1964 entsteht sein eigenes Gästehaus. 1967 das Panorama, 1969 die Kunsteisbahn. Der Ort hat drei Intershops. Im „Panorama" feiern sich Hauff/Henkler, Frank Schöbel und Chris Doerk, der (noch nicht verstaatlichte) Mittelstand der DDR, und der italienische Bobfahrer versteht nicht, warum er nur in Westmark zahlen darf. Die Menschen, die in über 800 Metern Höhe den Novembernebeln, den kühlen Sommern, den Schneemassen und dem Tauwetter trotzen, sind hier, weil sie Geld und Karriere machen als Trainer oder Barmann, Olympiasieger oder Gourmetkoch.

Der Film erzählt in Archivaufnahmen und Augenzeugenberichten die weitgehend unbekannte Geschichte hinter der platten Sportfassade Oberhofs. Wochenschauen, Progress Augenzeugen und Dokfilme aus jedem Jahrzehnt, die frühesten von 1909, machen das Leben im Ort lebendig. Interviews mit Prinz Andreas von Sachsen Coburg und Gotha, mit der 80jährigen Ur-Oberhoferin und Pensionsbesitzerin Christina Braun, mit Heinz Florian Oertel mit Historikern, Funktionären und Sportlern, Hoteldirektoren und Barmännern zeichnen die spannende Geschichte eines einsamen Ortes auf dem Kamm des Thüringer Waldes nach, dessen Schicksal das gesellschaftliche und politische Establishment des letzten Jahrhunderts bestimmte.

Trailer 7:46 min