Lebensläufe: Kurt Weill. Von Dessau zum Broadway

„Man hat beim Weill oft das Gefühl, der hat die Tonalität erfunden, für sich und dazu noch eine harmonische Sprache, die einzigartig ist, das heißt überhaupt nicht auswechselbar. Also Weill ist wirklich ein Jahrtausendereignis für sich“, das sagt der Wiener Komponist und Sänger HK Gruber über Kurt Weill in dem Film: Von Dessau zum Broadway.
Die Dokumentation erzählt die Lebensgeschichte des Komponisten, der am 2. März 1900 in Dessau als Sohn eines jüdischen Kantors geboren wurde und der am 3. April 1950 in New York gestorben ist. Neben HK Gruner erkunden auch Musicalstar Ute Lemper sowie die Weill Biografen Jürgen Schebera, Elmar Juchem und Stephen Hinton das bewegte Leben des Komponisten.
Der Film begibt sich auf Spurensuche von Dessau nach Amerika: an den Broadway, in die Kurt Weill Foundation in New York, wohin Weill, von den Nazis als Jude und Kulturbolschewist verfolgt, 1935 geflohen ist. Da war er in Europa schon eine Berühmtheit, denn im Alter von 28 Jahren komponiert er die Dreigroschenoper, mit der ihm ein großer Wurf gelingt. Die Moritat von Mackie Messer wird zum Ohrwurm, zum Gassenhauer, zum 20er-Jahre-Song schlechthin. Mehrere hundert Mal wurde der Mackie-Messer-Song seither von berühmten Musikern verschiedenster Stilrichtungen von Klassik über Jazz bis Pop adaptiert und wird wohl auch in Zukunft noch einige weitere dazu verführen. Der Film erzählt aber auch über Weills besondere Beziehung zu Leipzig, wo drei seiner wichtigen Werke uraufgeführt wurden. So auch 1930 Weills Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Sie löst einen der größten deutschen Theaterskandale aus. Schuld sind nicht ästhetische Gründe als politische: Störtrupps rechter Organisationen sorgen im Opernhaus für Tumult und Panik. Es erscheinen Schmähartikel in einigen Zeitungen über die undeutsche Musik. Drei Bühnen treten daraufhin von ihren Aufführungsverträgen zurück, noch drei Jahre vor Hitlers Machtergreifung. Als Jude, Avantgardist und Linksintellektueller wird Kurt Weill in jenen Jahren für die Nazi-Propaganda geradezu die Symbolfigur des von ihr so genannten "jüdischen Kulturbolschewismus". Fünf Jahre später flieht Weill aus Deutschland nach Paris und findet später in Amerika seine neue Heimat. Es gelingt ihm, wie kaum einem anderen Emigranten, beruflich sofort wieder Fuß zu fassen. Der Broadway wird seine große Bühne. Weill, der mit seiner Frau Lotte Lenya gemeinsam die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält, komponiert mit großem Erfolg amerikanische Musicals und Opern, schreibt Filmmusik für Hollywood. Er komponiert unvergessliche Melodien. Der Musicalstar Ute Lemper erinnert sich in dem Film an ihre erste Begegnung mit Weills Musik und erzählt über die Herausforderungen am Broadway und warum die Amerikaner Weill so lieben. Der Ostberliner Biograf Jürgen Schebera, der schon zu DDR Zeiten in New York über Weill forschte, taucht mit seinen Schellack Platten von Weill Songs in die Leben des außergewöhnlichen Musikers ein, der ausschließlich für die Musik gelebt hat. Der englische Weil Forscher Stephen Hinton erzählt über einen Menschen, der von beiden Enden brannte, der zu viel rauchte und viel zu früh gestorben ist, und der mit seiner Musik die Menschen unterhalten und ein großes Publikum erreichen wollte. Das er das hat. Viele seiner Songs sind zu beliebten Jazzstandards geworden. Seine Lieder wurden und werden noch immer von großen Popstars wie Sting, Tom Waits, Udo Lindenberg, Milva, David Bowie oder Campino gesungen.